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Nach Fahrplan in den Tod (2008)
 Europas Bahnen und der Holocaust

Autoren: Wolfgang Schoen und Frank Gutermuth

Nach Fahrplan in den Tod (2008)

Am 20. Januar 1942 wird auf der sogenannten Wannsee-Konferenz die Koordinierung der „Endlösung der Judenfrage in Europa“ auf den Weg gebracht: Millionen von Menschen sollen aus Deutschland und aus dem deutschen Machtbereich in die Vernichtungslager nach Polen transportiert und dort ermordet werden. Adolf Eichmann, Leiter des Judenreferates im Reichssicherheitshauptamt in Berlin, koordiniert die Deportationen aus allen Teilen Europas in enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Reichsbahn.

Im Juni 2006 verurteilt das Verwaltungsgericht in Toulouse den französischen Staat und die staatliche Bahngesellschaft SNCF wegen der Deportation von Juden während des Zweiten Weltkriegs. Das Gericht sieht eine „Mitverantwortung“ der SNCF und der Republik für die Deportationen. Die Bahngesellschaft hätte niemals „gegen die Transporte protestiert“ und auch nicht versucht, diese zu sabotieren. Auch habe die SNCF nicht wie von ihr behauptet unter dem Zwang des Waffenstillstandes von 1940 gestanden. Vielmehr hätte sie durchaus über Handlungsspielräume verfügt, diese aber nicht genützt.

Die SNCF habe stattdessen Rechnungen für Fahrkarten dritter Klasse ausgestellt und „die Bezahlung noch nach der Befreiung weiter eingefordert“. Damit schien klar: Die französische Staatsbahn hatte sich an Deportationen von Juden in die Vernichtungslager beteiligt. Der französische Nachkriegsmythos, der die SNCF als Hochburg des Widerstands gegen die Deutschen verklärte, schien zerstört.

Doch die SNCF will von einer Mitverantwortung an den Deportationen nichts wissen. Während der französische Staat das Urteil anerkannte, ging die SNCF gegen das Urteil von Toulouse in Revision. Inzwischen hat es das Berufungsgericht in Bordeaux aus formalen Gründen kassiert – ohne sich allerdings zu der Urteilsbegründung der Toulouser Richter zu äußern. Ein neuer Prozess in Frankreich ist momentan nicht absehbar. Mehr als 60 Jahre nach den Deportationen wird also noch immer um die Wahrheit gerungen – für die verbliebenen Überlebenden ein unerträglicher Zustand.

Die beiden Filme zeigen anhand neuer, zum Teil von Holocaust-Überlebenden beschaffter Dokumente und anhand von Zeitzeugenberichten und Aussagen von Historikern, dass die SNCF tatsächlich mit den Deutschen kollaborierte und sich an den Deportationen von Juden beteiligte.

Aber die SNCF war nicht die einzige Bahngesellschaft, die so handelte, auch andere europäische Bahnen, wie die Slowakische Staatsbahn „Slovenskéželeznice“und die „Nederlandsche Spoorwegen“ beteiligten sich an den Transporten.

Wie die SNCF stellten auch sie für die Deutschen Waggons, Lokomotiven, Kohle und Personal bereit, arbeiteten Fahrpläne aus, fuhren ihre menschliche Fracht, oft in Viehwaggons zusammengepfercht, zunächst in die Sammellager, dann zur Staatsgrenze, wo dann die Deutsche Reichsbahn die Transporte in die Vernichtungslager übernahm. Zeitzeugen berichten von der unmenschlichen Behandlung auf den Transporten.

Aus Frankreich wurden so etwa 76.000, aus Holland 107.000, aus der Slowakei 70.000 Juden deportiert.

Nach dem Krieg will man von einer Beteiligung an den Deportationen nichts mehr wissen. Die SNCF gibt einen Film in Auftrag, in dem die französische Staatsbahn als ein Zentrum des Widerstandes dargestellt wird. Tatsächlich waren viele Eisenbahner in der Résistance und haben die Deutschen militärisch bekämpft. Von den Deportationszügen aber wurde kein einziger gestoppt.

In Holland wurde über das unrühmliche Kapitel der Kollaboration mit den deutschen Besatzern ebenfalls lange geschwiegen. Man habe nicht gewusst, dass die Menschen in Auschwitz ermordet wurden, so dann die Rechtfertigung. Aber der Film zeigt: Wer es wissen wollte, hätte es wissen können – schon damals kursierten Flugblätter und Radiomeldungen aus denen hervorging, was in den Vernichtungslagern geschah. Mit ihrer Entschuldigung bei der jüdischen Gemeinde Hollands im Jahr 2005 hält die Spoorwegen die Geschichte für abgeschlossen. In der Slowakei beginnt die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels gerade erst.

In Frankreich wurde Georges Lipietz zum großen Kritiker der SNCF und ihrer Rolle bei den Deportationen: Er war es, der 2001 die SNCF und den französischen Staat vor dem Verwaltungsgericht in Toulouse verklagte. 1944 war er verhaftet und in einem Zug der SNCF ins Sammellager Drancy gebracht worden. Mittlerweile ist Georges Lipietz gestorben, aber seine Kinder führen den Kampf weiter. Sie wollen, dass die SNCF endlich zu ihrer moralischen Verantwortung für die Beteiligung an den Deportationen steht.



 





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