An einem sonnigen Samstagmorgen,
am Morgen des 2. August 1980 detoniert um 10.25 Uhr eine in einem abgestellten
Koffer versteckte Zeitbombe in einem gut besuchten Wartesaal des Bahnhof
Central in Bologna. Die kilometerweit zu hörende Explosion zerstört einen
Großteil des Hauptgebäudes, das Dach des Wartesaals bricht zusammen und begräbt
wartende Fahrgäste unter sich. 86 Menschen sterben, weit über 200 werden z.T.
schwer verletzt. Vorläufiger Höhepunkt einer Anschlagsserie, die ab 1969
Italien immer wieder erschütterte.
Die italienische Regierung unter
Ministerpräsident Francesco Cossiga und die Polizei machen schnell die
militanten linksradikalen Roten Brigaden für den Bombenanschlag aus. Als
führender Repräsentant der konservativen Democrazia Cristiana steht Cossiga für
den Wertekanon Katholizismus und Antikommunismus. Doch bei späteren
Ermittlungen wird sich zeigen: Italienische Geheimdienstkreise und Rechte waren
hier am Werk, gedeckt vom Staatsapparat. Ein Einzelfall?
GLADIO – Geheimarmeen der NATO im Kalten
Krieg
Im Juni 1948 hatte der
amerikanische Präsident Truman ein Multi-Millionen-Programm des Nationalen
Sicherheitsrates zur Finanzierung von „verdeckten Operationen“ gebilligt. Wenn
es um die Eindämmung der kommunistischen Einflusssphäre in Europa ging, war den
amerikanischen Geheimdiensten jedes Mittel recht und billig. Auf Initiative der
CIA begann unter der militärischen Befehlsgewalt der geheimen Kommandostelle
Allied Clandestine Comittee im NATO-Hauptquartier SHAPE in Paris der
(west)europaweite Aufbau von Geheimarmeen unter dem Namen GLADIO (vom lateinischen
Gladius: Schwert). Agenten wurden angeworben und ausgebildet, um im Falle einer
sowjetischen Invasion bzw. später durch Truppen des Warschauer Paktes
Sabotageakte und Guerillaoperationen durchführen zu können. So genannte
„Stay-Behind-Operations“, die hinter den feindlichen Linien durchgeführt werden
sollten. Dazu gehörte auch das Anlegen von Waffendepots für den Ernstfall. Die
Agenten stammten aus Geheimdiensten, militärischen Spezialeinheiten und
rechtsextremen Kreisen. Doch GLADIO hat noch andere Aufgaben: die Bekämpfung
kommunistischen Einflusses im Inland.
1990: GLADIO wird aufgedeckt –ein
politischer Erdrutsch in Europa
Nur einem Zufall sind diese
Fakten zu verdanken: Bei der Aufklärung eines Attentats deckt der italienischer
Untersuchungsrichter Felice Casson die Existenz von GLADIO in Italien auf. 1990
gibt der italienische Ministerpräsident Andreotti unter dem Druck einer einsetzenden
parlamentarischen Untersuchung an, dass GLADIO auch in allen europäischen
Nato-Staaten existierte. Dies löst europaweit einen politischen Skandal aus.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion fanden diese Geheimarmeen vermutlich ihr
vorläufiges Ende. Fast vier Jahrzehnte haben sie aber ohne jegliche
parlamentarische Kontrolle agiert.
Das Europäische Parlament fordert
in einer Resolution vom November 1990 die NATO sowie alle Mitgliedstaaten auf,
die Beteiligung von GLADIO-Strukturen an Terroraktionen umfassend aufzuklären
und Untersuchungsausschüsse einzurichten. Aber trotz aller Empörung kommt es
nur in Italien, Belgien und der Schweiz zu parlamentarischen Untersuchungen.
Unser Blick wird sich auch auf Deutschland und Frankreich richten, um die internationale Dimension von GLADIO und
die Verbindungen deutlich zu machen. Wir zeigen die Indizien, dass GLADIO auch
in diesen Ländern tätig und in terroristische Aktivitäten verstrickt war. Die
von uns gesammelten Indizien belegen, wie wichtig ein Untersuchungsausschuss
ist, um in vielen Fällen endgültig Klarheit zu bekommen. Dort ist aber auch zu
klären, was nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem damit einhergehenden
Ende von GLADIO mit den Waffen und Agenten geschehen ist. Das gilt auch für die
Frage, aus welchem politischen Interesse heraus bislang eine umfassende
Aufklärung verhindert worden ist.