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Der Fall Ivan Demjanjuk (2009)
 NS-Verbrechen vor Gericht

Frank Gutermuth & Sebastian Kuhn & Wolfgang Schoen

         

Der Fall Ivan Demjanjuk

NS-Verbrechen vor Gericht

In unserem Beitrag beschreiben wir die einzigartige Geschichte des gebürtigen Ukrainers Ivan Demjanjuk. Als Rotarmist gerät dieser im 2. Weltkrieg in deutsche Gefangenschaft, wird von der SS rekrutiert und im berüchtigten Lager Trawniki für den Einsatz der „Aktion Reinhardt“ ausgebildet – annähernd 1,5 Millionen Juden werden dem Mordprogramm der Nazis zum Opfer fallen. Doch für viele der ehemaligen Rotarmisten schien es der einzige Weg des Überlebens: 3,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene starben an den verheerenden Bedingungen in deutschen Lagern, an Seuchen und Hunger. Der Film soll nicht nur eine zeitgeschichtliche Tragödie aufarbeiten, sondern auch ein Stück Rechtsgeschichte im Umgang mit NS-Tätern beleuchten.

Der aktuelle Anlass: 11. März 2009. Die Staatsanwaltschaft München I erlässt Haftbefehl gegen den 1920 in der Ukraine geborenen Ivan Demjanjuk. Tatvorwurf: „Beihilfe zum Mord“ an 27.900 Juden im Vernichtungslager Sobibor im Jahr 1943. Demjanjuk steht auf Platz 1 der „MOST WANTED WAR CRIMINALS“-Liste, geführt vom Simon Wiesenthal Center. Seine Anwälte konnten die Auslieferung aus den USA nicht verhindern: Am 12. Mai kommt er am Flughafen München an, wird in die JVA Stadelheim verbracht. Der letzte große Kriegsverbrecherprozess in der BRD steht kurz vor seinem Beginn. In den letzten Wochen nimmt das internationale Interesse an dem Fall stetig zu. Bislang ist in (West-)Deutschland keine einzige Verurteilung eines mutmaßlichen NS-Verbrechers wegen „Beihilfe“ bekannt, schon gar nicht auf der Ebene des Dienstgrades von Demjanjuk. Wir gehen deshalb auch der Frage nach, ob Demjanjuk zum Spielball politischer Interessen und Behörden wurde.

Ivan Demjanjuk hatte die Nachkriegswirren genutzt und war 1945 im Lager für Displaced Persons in Landshut untergetaucht. Viele belastete Kriegsverbrecher und deren Helfer bleiben unerkannt, die Alliierten sind mit deren Identifizierung heillos überfordert. Im Januar 1952 konnte er sich über Bremerhaven in die USA absetzen. Mehrfach wurde ihm schon die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt, 1986 wurde er an Israel ausgeliefert. Als „Ivan der Schreckliche“ des Vernichtungslagers Treblinka verurteilte ihn das Gericht zum Tode – entlastendes Beweismaterial war aber vom amerikanischen „Office for special investigation“ (OSI) unterschlagen worden. Als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion israelische Staatsanwälte vor Ort neues Material ausfindig machen konnten und damit Zweifel an Demjanjuks tatsächlicher Identität auftauchten, ließ ihn das Oberste Gericht Israels frei und Demjanjuk konnte in die USA zurückkehren.

Ein zwielichtiges Unternehmen für die deutsche Rechtssprechung?

Ein notweniger Aspekt unseres Films. In Verfahren gegen deutsche SS-Männer, die auch in ihren Dienst in Sobibor versahen, gab es in der Vergangenheit zumeist Freisprüche oder Anklage wurde erst gar nicht erhoben. Nach Kriegsende ermittelte die deutsche Justiz in über 100.000 Fällen, doch lediglich 6.500 Beschuldigte wurden verurteilt. Nach einer 1968 vom Bundestag beschlossenen Gesetzesänderung waren auf einmal die Taten der Planer im Reichssicherheitshauptamt, von wo aus der Holocaust entscheidend gesteuert wurde, verjährt. Kritische Stimmen zu einem Prozess gegen Demjanjuk werden lauter und gefragt wird: Lässt man die Großen laufen und henkt die Kleinen?

 





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