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USA: Unter der Brücke von Miami (2010)
 vom Umgang mit Sexualstraftätern

ARTE Reportage

Miami, Florida. Ein Name wie eine Verheißung. Surfen, Strand, Palmen, Erotik, Sex. Doch der schöne Schein trügt. Besonders Sexualstraftäter haben jetzt im gottesfürchtigen „sunshinestate“ nichts mehr zu lachen. Nicht nur einfach weg-sperren. Das sei nicht Strafe genug. Päderasten und Pädophile werden an den öffentlichen Pranger gestellt. Ausgegrenzt. Menschenwürde, Resozialisierung, Fehlanzeige. So wurden etwa 50 Männer und eine Frau auf Bewährung ent-lassen und per Gerichtsbeschluss in einem Camp unter einer Brücke im Hafen-becken konzentriert. Ohne Strom, fließendes Wasser, in Müll, Gestank, Unge-ziefer und dem Lärm der über die Brücke rasenden Autos. Zwischen 22 Uhr und sechs Uhr früh müssen die Männer unter der Brücke sein – wer zu diesen Zeiten draußen erwischt wird, der riskiert seine Bewährung. Eine GPS-Fuß-fessel überwacht jede Bewegung der Menschen unter der Brücke. Wir haben mit zwei der Männer Interviews geführt und ihren Alltag mit der Kamera begleiten dürfen. Das ist „Bookville“, von den Bewohnern nach Ron Book benannt, den glühendsten Verfechter für diese drakonische Strafe. Für ihn sind alle dort unter der Brücke Monster. Er kommt zu Wort, sowie weitere Befür-worter und Gegner der inhumanen Maßnahme unter dem Julia Tuttle Causeway von Miami.


Autoren: Sebastian Kuhn & Wolfgang Schoen









Reisetagebuch von Sebastian Kuhn:

Mir ist etwas flau im Magen.

Es ist November. Miami, Florida. 21 Uhr, noch immer zeigt das Thermometer 25° C. Ein lauer „Sommerabend“ also, als ich mitten auf der sechsspurigen Interstate 195 abbremse und durch eine schmale Auslassung in der Leitplanke auf den Grünstreifen abbiege. Dort solle ich warten. Es ist sackdunkle Nacht. Irgendwo da hinten unter der Brücke des Julia Tuttle Causeway befindet sich das Lager der Sexualstraftäter aus Miami und Umgebung. Sexualstraftäter: Dieses Wort verursacht vorgestanzte Bilder in meinem Kopf: Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, Pädophilie… Ja, mir ist etwas flau im Magen. Ich habe keine Ahnung was mich erwartet, wie ich mich verhalten soll. Ich begebe mich also in die Höhle des Löwen meiner Vorurteile.
Ich bin mit Kevin Morales verabredet. Er ist einer der 50 Männer, die unter der Brücke leben. Ich habe den Auftrag von ARTE, eine Reportage über ihre Situation zu drehen und habe vorher hin und her überlegt, wie man am besten Kontakt zu diesen Männern - zu Sexualstraftätern - aufnehmen kann, wie man ihr Vertrauen gewinnt. Durch meine Recherche war ich auf eine Organisation gestoßen – die einzige – die den Männern unter der Brücke helfen will: Die ACLU (American Civil Liberties Union). Sie vermittelten mir den Kontakt zu Kevin. Schon am Telefon klang er sehr offen, entgegenkommend. Um einen ersten Eindruck vom Lager zu bekommen, solle ich um 21 Uhr hier an der Leitplanke warten.

Ich habe es geahnt. Das wird schwierig.

Nun stehe ich also hier, neben meinem Mietwagen, mein Herz schlägt bis zum Hals und ich versuche, im Halbdunkel Kevin zu erahnen. Eine bizarre Situation, denke ich bei mir. Da taucht er schon aus dem Dickicht auf. Sympathisches Lächeln, fester Händedruck, offene, freundliche Augen – er wirkt aufgeschlossen.
Die letzten Meter zum Lager fahren wir in seinem Truck. Ich könne mein Auto ruhig hier stehen lassen, sagt er mit einem gewinnenden Lachen, hierher traue sich sowieso niemand – you know? Schon nach einigen Metern entdecke ich Zelte. Wie auf einem Urlauber-Campingplatz im Taunus, geht mir durch den Kopf. Ein ziemlich starker Wind bläst über die Landzunge und peitscht hohe Wellen ans Ufer. Die Brücke steht mitten im Hafenbecken von Miami.
Auf dem Weg kommen uns ein paar Männer entgegen, Kevin grüßt auf spanisch. Wir steigen aus, gehen zu einem der Zelte. Dort sitzen zwei Männer, die sofort mit Kevin anfangen zu diskutieren – wieder auf Spanisch. Flüchtige Blicke mustern den Fremden an Kevins Seite ohne Unterlass. Aus den Gesten glaube ich zu entnehmen dass sie sich über mich ereifern. Die Lage scheint ernst zu sein. Also doch. Ich habe es geahnt. Das wird schwierig. Für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, unser Unternehmen endet gleich hier in den ersten Minuten, denn sie sehen alles andere als erfreut aus.

Ist das sauberes Wasser?

Doch plötzlich wieder dieses gewinnende Lächeln von Kevin. Auch die beiden anderen – lächeln. Ja, ja denke ich – das unverbindliche Lächeln der Amerikaner, dass ich aus einem Jahr in Texas her so gut kenne. Meine Vorurteile! Kevin legt den Arm auf meine Schulter. Eine Mischung aus Englisch und Spanisch folgt: „Das ist Sebastian aus Germany, er ist Journalist, er will eine Reportage über unsere Situation hier drehen, er bleibt einige Tage, nur damit ihr Bescheid wisst… ist das okay für euch?“
Man bietet mir einen Platz in ihrer Mitte an. Ein Kaffee wird mir gereicht. Ist das sauberes Wasser? Es sieht nicht so aus. Dann wird mir schnell klar, dass das Verhalten der Männer nicht gegen mich gerichtet ist: Hier entlädt sich gerade ihre gesamte Wut auf Behörden, Politiker und die ganze Gesellschaft. Für Kevin offensichtlich eine bekannte Situation, er versucht sachlich zu bleiben, diskutiert aber angeregt mit. Das was hier in ein paar Minuten gestenreich abgehandelt wurde, hat eine lange Vorgeschichte.
 

So kann man doch nicht mit Menschen umgehen.

Vor knapp vier Jahren führte man hier in Miami ein Gesetz ein, dass es verurteilten Sexualstraftätern nicht erlaubt, näher als 750 Meter an einer Schule, einem Kindergarten oder einem anderen Ort zu leben, an dem sich Kinder aufhalten könnten. Häuser und Wohnungen in Miami sind  teuer. Selbst die wenigen verbliebenen Wohnmöglichkeiten außerhalb der Bannmeile sind für einen gerade aus der Haft entlassenen Straftäter unbezahlbar. Der einzige Ort in sicherem Abstand zu Kindern ist unter der Julia Tuttle Causeway Brücke. So kam es, dass sich die Behörden gar nicht mehr die Mühe machten, die Männer in Wohnungen unterzubringen. Man schob sie per Gerichtsbeschluss hierher ab.
Kevin will mir mehr zeigen. Er geht mit mir unter die Brücke des Julia Tuttle Causeway, die über die Bucht führt. Während wir gehen, berichtet er mir vom Beginn der Situation, der komplizierten Gesetzeslage, von ignoranten Politikern und vor allem von den Menschen, die unter diesen Bedingungen leben müssen. Schon jetzt bin ich überwältigt von den Eindrücken. So kann man doch nicht mit Menschen umgehen – auch nicht mit Sexualstraftätern. Kevin merkt das und kontert grinsend: „Bis jetzt hast du noch gar nichts gesehen!“

Wo der ‚Abschaum der Gesellschaft’ lebt, da gibt’s natürlich auch Ratten.

Auf dem Weg zur Brücke macht Kevin mich auf den grandiosen Blick auf die Skyline von Miami aufmerksam: „Unser eine Millionen Dollar Blick – alles umsonst. Andere würden für so eine Wohnlage ein Vermögen bezahlen“. Mit einer Mischung aus Ironie und Nachdenklichkeit führt er mich weiter.
Unter der Brücke steigt mir sofort der beißende Gestank von Fäkalien in die Nase. Begleitet vom höllisch lauten Stakkato der über die Brücke rasenden Autos. Eine Unmenge an Katzen streunt herum – eine Gegenmaßnahme der Bewohner gegen die Rattenplage, sagt Kevin: „Da wo der ‚Abschaum der Gesellschaft’ lebt, da gibt’s natürlich auch Ratten – you know?“ Kevin beginnt, mir die ganze unsägliche Dimension eines Lebens unter einer Brücke zu zeigen. Leben?
Überall tauchen Gestalten aus der Dunkelheit auf, Hände schütteln hier, schnelle Umarmungen da. Niemand scheint sonderlich begeistert über den deutschen Journalisten zu sein, aber es gibt auch keine direkte Ablehnung.

Und hier soll ein Mensch leben können?

Kevin zeigt mir den Wohnwagen, in dem die einzige Frau des Lagers lebt. Und die notdürftig mit Sperrholz zusammengezimmerten Hütten. Ein Verschlag ist etwas größer – das „Reihenhaus“ wie sie es hier unten nennen. Hier hausen die drei „Privilegierten“ sagt Kevin: „Hispanics wie ich, Jungs der ersten Stunde. Sie kamen 2006 mit mir hier an“. Der Rest des Lagers besteht aus Zelten.
Auf der Beton-Anhöhe, direkt unter der Fahrbahn, stehen ein Dutzend weitere Zelte. Kevin erzählt mir, dass dort seit zwei Wochen ein „Neuer“ untergebracht sei. Ihn will er kurz sehen. Dazu müssen wir die „stairways to heaven“, eine simpel zusammengenagelte Holztreppe hinauf klettern, hoch in den „first floor“, den ersten Stock des Lagers.
Von hier oben, dem „first floor“, habe ich zum ersten Mal einen Überblick über die Gesamt-Szenerie. Der Anblick, gepaart mit dem Gestank und dem Lärm ist erschütternd überwältigend. Zelt an Zelt, Holzverschlag an Holzverschlag. Bestürzend: es gibt kein fließend Wasser, keinen Strom, keine Toilette. Lediglich ein vor sich hin hämmerndes Notstrom-Aggregat liefert Elektrizität für das spärliche Licht von vereinzelten Glühbirnen, einem Fernseher und einer Uralt-Stereoanlage aus der ununterbrochen Julio Iglesias jammert. Und hier soll ein Mensch leben können? Als einen unbeschreiblichen Albtraum empfinde ich das was ich hier sehe.
 

Diese Menschen hier haben andere Leben zerstört.

Während ich noch ungläubig die Szenerie auf mich wirken lasse, steht Kevin schon am Zelt des Neuankömmlings. Der will mir zuerst seinen richtigen Namen nicht nennen. Er wirkt eingeschüchtert und verstört. Abweisend sowieso. Wir nennen ihn in unserer Reportage Armando. Er ist jetzt erst seit 14 Tagen unter der Brücke. Kevin gibt ihm einige Überlebenstipps, Verhaltensregeln, versucht ihn zu motivieren. Doch Armando ist wütend.
Armando, wie die anderen hier sind allesamt verurteilte Sexualstraftäter, die sich an Kindern vergangen, oder mit „Teenagern“ im Internet gechattet haben. Ja, ich finde, diese Menschen hier haben andere Leben zerstört. Ja, sie haben so tief in junge Leben eingegriffen, dass viele ihrer Opfer sich vermutlich nie wirklich davon erholen werden.
Trotz meiner tiefsten Empörung über solche Verbrechen stelle ich mir aber immer wieder die Frage, ob ein Mensch, egal was für ein Unrecht er auf sich geladen hat, es damit verdient hat, so zu leben. Zumal das hier geltende Gesetz schlicht keinen Sinn macht. Denn es gilt vor allem nachts, wenn die Kinder schlafen, von denen man die Männer und die Frau fern halten will. Die Menschen unter der Brücke müssen von 22 bis 6 Uhr früh hier sein. Eine GPS-Fußfessel übermittelt jede kleinste Bewegung an die Polizeibehörde von Miami. Tagsüber dürfen sie ihren Arbeitsplatz aufsuchen, sofern sie einen haben. Resozialisierungsprogramme – Fehlanzeige. Abgeschoben in das schlimmste Dreckloch Miamis.

Die Geschichte des Missbrauchs an seiner 8-jährigen Nichte.

Nach ein paar Tagen hat Armando Vertrauen zu uns gefasst. In mir findet er sowohl einen interessierten Zuhörer als auch einen vehementen Verfechter gegen Sexualstraftaten aller Art. Vielleicht hat ihn das beeindruckt. Plötzlich dürfen wir seinen Alltag in dem winzigen Zelt dokumentieren. „Körperpflege und Wäschewaschen“ aus Eimern, gefüllt mit dem Dreckwasser des Hafenbeckens. Plötzlich kehrt er seine inneren Verklemmungen nach außen - und erzählt. Auch die Geschichte des Missbrauchs an seiner 8-jährigen Nichte. Betrunken sei er gewesen und unter Drogeneinfluss. Er könne sich beim besten Willen nicht an das Geschehene erinnern. Nach so vielen Tagen mit Armando unter der Brücke habe ich das innere Gefühl ihm glauben zu wollen, doch meine Skepsis und meine Abscheu gegen diese Art von Verbrechen bleiben.
Die Geschichte der Männer und der Frau unter der Brücke des Julia Tuttle Causeway hat mich tief bewegt. Noch immer, nach Wochen wieder zu Hause, lässt mich ihre Geschichte nicht los.
Armando hat von seinem Bruder ein Mobiltelefon bekommen. Für alle Fälle. Und ab und zu läutet da unter der Brücke im Hafenbecken von Miami ein Telefon. Der Anrufer ist aus Deutschland.